Am 18. September wäre Hertha Firnberg 100 Jahre alt geworden. Zu Ehren der Vorzeigeministerin für Wissenschaft und Forschung finden derzeit diverse Veranstaltungen statt, die sich mit den Umwälzungen der 70er-Jahre und Firnbergs Errungenschaften befassen. Ab 1971 war Firnberg für die wissenschaftlichen Angelegenheiten in der sozialdemokratischen Regierung zuständig, als “Ministerin ohne Portfolio”.

Hertha Firnberg
“Mehr Arbeiterkinder (sic!) an höhere Schulen” war einer ihrer Slogans mit denen sie für die Öffnung der Unis kämpfte und Maßnahmen gegen soziale Selektion im Bildungssystem einleitete. Die sichtbaren Fakten wie Gesetzestexte und Beschlüsse und die Mythen der 70er-Jahre zeichnen für mich als Studentin der 2000er-Jahre (geprägt durch Gehrer und Hahn) ein paradiesisches Bild: Studierendenmitbestimmung an den Unis, Aufbruchstimmung in der “Ordinarienuniversität” und große Umwälzungen im Hochschulsystem durch die Abschaffung der Studiengebühren.
Immer wieder gerate ich in Versuchung, mir “diese Zeit” herbeizusehnen – und wache dann im 21. Jahrhundert auf: So spaßig war Firnbergs politischer Kampf wohl auch nicht – gegen althergebrachte Annahmen davon, wie Universitäten funktionieren sollen. Dennoch: Firnberg hat mit ihrer Politik – die im Geist der 68er funktionierte – eine Politik der Öffnung geprägt; Öffnung der Hochschulen für ArbeiterInnenkinder und Öffnung der Strukturen für Studierendenmitbestimmung.
Was den Blick auf Firnbergs Zeit aber – abseits von “das müssen so tolle Zeiten gewesen sein” – spannend macht, ist die Logik der Expansion von der die Hochschulpolitik der 70er geprägt war. Anders als jetzt ging es darum, neue Lösungen und erweiternde Veränderungen herbeizuführen. Die aktuelle herrschende Herangehensweise an tertiäre Bildung orientiert sich dagegen an einer Logik der Einschränkung. Wissenschaftsminister Hahns Programm heißt in Fortführung der schwarz-blauen Restriktionen zwischen 2000 und 2006: Studierende weg von den Unis (manifestiert in der UG-Novelle), Mitbestimmungsstrukturen “verschlanken” (also abbauen) und die Studierenden am liebsten wieder zur Kasse bitten. Und viele der progressiveren Kräfte haben alle Hände voll zu tun, Verschlechterungen zu verhindern, anstatt für Ausbau und Fortschritt zu arbeiten – das kostet Energie. Dabei ist es viel wichtiger und produktiver, neue Konzepte zur Öffnung und Expansion zu erarbeiten und für diese zu kämpfen – da gibts jedenfalls noch einiges zu tun.
Tags: Einschränkung, Firnberg, Studiengebühren
30. September 2009 um 4:10 pm |
Ich habe nichts gegen üble Aufnahmetests wie es vor den 68er üblich war, aber ich habe etwas dagegen, dass ein Abitur und Studium so teuer ist dass sich junge Leute dafür verschulden müssen – Studiengebühren sind da Öl aufs Feuer.
Die Zukunft wird unschön und auch die “Qualität” der Absolventen wird leiden. Es werden mehr junge Leute ein Studium beginnen, das sie nicht inhaltlich interessiert, aber ausreichend Payback erzeugen kann (“zukünftiger wirtschaftlicher Nutzen”), um die finanziellen Verbindlichkeiten eines Studiums bedienen zu können. Im Irrglaube (subjektive) Noten hätten eine Aussagekraft über Können, Wissen, Kreativität, oder gar Intelligenz wird sich unter Studierenden eine sehr “konforme” und “egoistische” Haltung zum Lernen durchsetzen. Das mag dann ganz toll sein um sich in den nicht-wertschöpfenden Koordinationsspielen von Hierachien zu bewähren oder wenigsten treu-dumm sich Organisationen anzupassen. Das ist aber keinesfalls ausreichend für Universitäten selbst geeigneten Nachwuchs vom höchsten Niveau heran zu züchten. Langfristig wird die BRD mit Studiengebühren den Verfallsprozess seiner wissenschaftlichen Forschung, und dann auch der Innovationskraft seiner Wirtschaft beschleunigen.
Ich halte es mal mit Planck: Produkte sind der Abfall von Forschung.
Daher sollte gerade an Universitäten die Ausbildung der Studenten daran ausgerichtet sein, dass möglichst viele die Fähigkeiten erlangen die Ausbildung zum Forscher beginnen zu können. Und nicht daran ob irgendwelche Firmen in ihrer bedingten Kurzrichtigkeit einen wirtschaftlichen Nutzen erkennen können.
30. April 2010 um 1:48 pm |
[...] Außerdem ist die Tatsache, dass so viele Menschen studieren wollen kein Notfall sondern ein Glücksfall. Ich halte es da mit Hertha Firnberg: Mehr ArbeiterInnenkinder an höhere Schulen! [...]